Winterlicht und Meeresruhe und warum Ligurien in der stillen Jahreszeit verzaubert
Es gibt Orte, die gerade dann ihre schönste Seite zeigen, wenn die große Reisesaison längst vorbei ist. Ligurien gehört ganz sicher dazu. Während nördlich der Alpen der Winter grau und schwer wirkt, empfängt die schmale Küstenregion zwischen Meer und Bergen ihre Besucher mit Licht, Farben und einer wohltuenden Ruhe. Besonders das kleine Küstenstädtchen Sori, nur wenige Zugminuten von Genua entfernt, fühlt sich in den Wintermonaten an wie ein gut gehütetes Geheimnis.
Schon am Morgen liegt ein besonderes Leuchten über dem Ort. Der Himmel ist klar und tiefblau, das Meer ruhig und weit, und die Wintersonne steht genau richtig, um die pastellfarbenen Häuser in warmes Licht zu tauchen. Ohne Sommerdunst wirken die Farben intensiver, die Konturen schärfer, die Luft frischer. Die Fassaden in Apricot, Gelb und Rosé, die grünen Fensterläden und der kleine Kirchturm über den Dächern erscheinen fast wie gemalt.
Am Strand ist es still geworden. Die Badegäste sind verschwunden, stattdessen stehen die Fischerboote ordentlich an Land, bereit für ihren nächsten Einsatz. Drei Männer unterhalten sich am Wasser, jemand bereitet seine Angel vor, und das rhythmische Rauschen der Wellen wird zur einzigen Hintergrundmusik. Genau diese Gelassenheit macht den Winter in Ligurien so besonders. Der Ort gehört wieder den Menschen, die hier leben – und denen, die sich Zeit nehmen, langsam anzukommen.
Das Klima trägt seinen Teil dazu bei. Selbst in den kältesten Monaten fühlt sich ein Tag in Sori eher nach frühem Frühling an. In der Sonne wird die Jacke schnell geöffnet, auf der Piazza sitzen Einheimische mit ihrem Cappuccino, und auf den Bänken entlang der Promenade liest man Zeitung mit Blick auf das glitzernde Wasser. Das Licht tanzt auf den Wellen, und manchmal wirkt das Meer so ruhig und klar, dass man vergisst, dass mitten im Winter ist.
Auch ein Spaziergang durch die kleinen Gassen hat in dieser Jahreszeit einen eigenen Charme. Zwischen den Häusern öffnet sich immer wieder der Blick auf das Meer, irgendwo flattert eine Wäscheleine im Wind, und hinter einer Ecke wartet plötzlich eine sonnige Piazza. Alles wirkt ruhiger, persönlicher, fast ein wenig zeitlos. Man geht nicht von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit – man lässt sich treiben.
Der Winter ist auch die beste Zeit für Genießer. Die Restaurants sind entspannt, die Gespräche dauern länger, und die ligurische Küche schmeckt jetzt besonders authentisch: frischer Fisch, duftende Focaccia, Olivenöl aus der Region und ein Glas Wein, während draußen die Nachmittagssonne langsam tiefer sinkt.
Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis des winterlichen Liguriens. Es geht weniger um das große Programm als um die kleinen Momente: das Licht auf den Fassaden, das Glitzern des Meeres, die Wärme der Sonne im Gesicht und das Gefühl, für ein paar Tage Teil dieses ruhigen Küstenlebens zu sein.
Wer dem grauen Winter entfliehen möchte, muss also nicht unbedingt in den Süden fliegen. Manchmal reicht eine Zugfahrt nach Ligurien und ein Ort wie Sori, der zeigt, wie viel mediterrane Lebensfreude auch in der stillen Jahreszeit steckt.